Interview mit Dennis Riekers anlässlich der Ausstellung in der Bremer Volkshochschule, im Mai 2024

Herr Schwecke, Ihre Ausstellung „Where are we now?“ behandelt eine Vielzahl von aktuellen und globalen Themen. Dahinter scheint eine tiefe Auseinandersetzung insbesondere mit Krieg, Klimakatastrophe und Ungerechtigkeit zu stehen. Welche persönlichen Erfahrungen oder Überzeugungen treiben Sie an, sich künstlerisch gerade mit solch herausfordernden und oft bedrückenden Themen auseinanderzusetzen?

Den Herausforderungen können wir nicht aus dem Weg gehen – und leider werden sie mehr statt weniger. Wer hätte vor einigen Jahren schon geglaubt, dass heute darüber nachgedacht wird, wie Deutschland kriegstüchtig wird. Die Nachrichten empfinde ich oft als Albtraum – wirklich beängstigend.

Meine Arbeiten helfen mir dabei ein wenig Struktur in meine eigenen Gedanken zu bringen.

Kann Kunst eine Art der Selbstwirksamkeit für die Kunstschaffenden sowie die Betrachter:innen sein?

Ich glaube schon. Selbstwirksamkeit? Auf alle Fälle. Die Arbeiten verändern mich. Ich lerne durch sie. Sie helfen mir, meine Gedanken zu sortieren. Verschiedene manchmal auch widersprüchliche Aspekte in einem Bild zu vereinen, lichtet das Chaos. Eigentlich funktioniert es wie eine Aufstellungsarbeit im Coaching. Die einzelnen Positionen werden so lange hin und her geschoben, bis sich ein stimmiges Bild ergibt.

Zweitens handelt es sich um einen kreativen Prozess. Ich produziere etwas, ich mache etwas, das mir hilft, aus der Opferhaltung herauszukommen, es entsteht ein Resonanzraum, der mich und hoffentlich auch andere einlädt, weiter über die Themen nachzudenken.

Drittens möchte ich über die Arbeiten in Dialog treten. Gespräche mit den Besucher:innen meiner Ausstellungen sind mir sehr wichtig. Oft entsteht dabei eine besondere Ernsthaftigkeit und auch Berührtheit.

Woher kommt Ihr politisches Interesse und der Mut zu einer Haltung in der Öffentlichkeit?

Ursprünglich habe ich eine Ausbildung als Metallflugzeugbauer gemacht. Die Situation der Auszubildenden war damals nicht witzig – vier Wochen U-Stahl feilen ist kein Vergnügen. Wir haben ziemlich Randale gemacht und ich bin Mitglied der Lehrlings- und Jungarbeiterbewegung in Bremen geworden. In dem Unternehmen mochte man mich dann nicht mehr. Ich habe danach Kunst studiert und begonnen politische Plakate zu gestalten. Das zieht sich bis heute durch.

Keine Angst anzuecken? Gerade in diesen Zeiten?

Doch auch.

Ist es die Lust auf Ablehnung und Dissens?

Es ist eher die Suche nach eigener Orientierung. Wo befinden wir uns gerade? Welche Glaubenssätze stimmen noch und welche nicht mehr.
Und es gibt auch den Wunsch zumindest ein wenig zur Lösung beizutragen, mitzuwirken daran, dass demokratische, ökologische und friedvolle Positionen wieder mehr Raum bekommen.
 
Das Wandbild zur Geschichte des Bamberger ist ein Beispiel dafür. Es skizziert die wichtigsten Ereignisse in der fast genau hundertjährigen Geschichte des Gebäudes – von der Gründung des Kaufhauses, der Enteignung und Verfolgung von Julius Bamberger durch die Nazis, der Zerstörung des Gebäudes im 2. Weltkrieg und dem Umbau durch Klaus Hübotter, der das Gebäude dann der vhs zur Verfügung stellte. Die Besucher:innen können so eine Idee von der Geschichte des Bamberger bekommen und hoffentlich die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Erzählen Sie uns etwas aus ihrem Schaffensprozess: Wie wählen Sie die einzelnen Motive aus Ihren Graffiti-Fotos aus, um diese komplexen Themen am Ende ästhetisch in der Form einer Fotomontage zu reflektieren?

Es sind überwiegend Graffito, Reste von Plakaten oder Übermalungen, die ich fotografiere. Und dann ist es wie ein Puzzle – allerdings ohne anfangs eine Idee davon zu haben, wie das Bild schlussendlich aussehen könnte. Ich experimentiere, ich führe verschiedene Elemente am Rechner zusammen, ergänze, verwerfe und irgendwann ergibt sich ein Bild.

Die Arbeiten sind in mehreren Schichten aufgebaut. Es gibt ein Motiv, das im Vordergrund steht, meist geht es dann aber noch tiefer. Im Hintergrund (etwas verblasst) finden sich manchmal Fragmente früherer politischer Botschaften, z.B. „Give peace a chance“ oder „Nie wieder Krieg“, teilweise zitiere ich Kunstwerke wie „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich oder „Guernica“ von Picasso und oft gibt es auch Bezüge zu Musiktiteln, die für mich eine Rolle gespielt haben. Die Arbeiten sind immer auch Selbstbefragungen. Ich überprüfe so meine eigenen politischen Glaubenssätze und Gewissheiten.
Ich zitiere auch Positionen, die ich nicht teile, die für den jeweiligen Kontext aber wichtig sind. Für mich sind gerade die Zwischentöne und Graustufen wichtig. Wenn es um Lösungen geht, werden sie vermutlich hier gefunden.

Dürfen, sollen oder gar müssen Künstler politisch sein?

Jede Kunst ist politisch. Die Frage ist ausschließlich, wofür sie Position bezieht.
Die Frage, die wir alle uns heutzutage stellen müssen ist doch, wollen wir Teil der Lösung oder des Problems sein. Das gilt genauso für Künstler. Sie tragen ihren Teil der Verantwortung.

Inwiefern glauben Sie, dass Kunst eine Rolle bei der Sensibilisierung für die drängenden globalen Probleme, die Sie in Ihrer Ausstellung behandeln, spielen kann? Welche Reaktionen erhoffen Sie sich von Ihrem Publikum?

Kunst ermöglicht eine andere Position, einen neuen Blick, einen Perspektivwechsel. Und die Dinge anders als gewohnt, neu zu betrachten, ist Voraussetzung für Verständigung und letztlich Veränderung.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass Kunst eine große politische Kraft entwickeln kann.

Banksy sorgt mit seinen Arbeiten in den ukrainischen Kriegsgebieten und an den israelischen Grenzanlagen in Palästina für Aufmerksamkeit und sensibilisiert für diese Themen.

Beuys hat 1982 in Kassel 7000 Eichen pflanzen lassen, damit direkt gegen die Verstädterung interveniert und den städtischen Raum nachhaltig verändert. Die Eichen gehören heute zum Stadtbild.

Géricault hat mit dem „Floss der Medusa“ 1819 die koloniale französische Gesellschaft demaskiert. Das „Floss der Medusa“ ist zu einem ikonischen Werk geworden und wird heute oft im Zusammenhang mit der Situation von Geflüchteten verwendet.

Caspar David Friedrich schuf mit seinem Bild „Das Eismeer“ 1824 ein Werk, dass auch heute Zehntausende in die Ausstellungen zieht. Das zerschollende Schiff hieß ursprünglich „Hoffnung“.

Auf all diese Künstler beziehe ich mich direkt oder indirekt.

Wenn die Betrachter:innen sich durch meine Bilder eingeladen fühlen, über Themen neu nachzudenken freue ich mich.

Warum das Zebra-Nashorn auf Ihren Bildern? Es zieht sich durch die kompletten Werke – wofür steht es?

Es steht für Transformation, für kreative Veränderung. Es soll daran appellieren, nicht immer nur mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Leider vertrauen wir zu oft auf reflexhafte Reaktionsmuster, die die Menschheit in ihrer Frühzeit erlernt hat und uns immer noch prägen: Angreifen, Weglaufen oder Totstellen. Durchsetzungsvermögen ist gut – aber ohne soziales Bewusstsein und Kreativität führt es in die Sackgasse. Aktuell wird viel zu wenig auf Lösungen fokussiert. Die Rede ist überwiegend von Vergeltung, Stärke zeigen, Kriegstauglichkeit usw.
Das Nashorn-Zebra soll einladen, das individuelle Bewusstsein mit sozialem Bewusstsein zu verbinden, kreative Möglichkeiten zu entwickeln und den Kreislauf der Eskalationen zu durchbrechen. 
Die Grundlage für dieses Motiv habe ich in Tel Aviv gefunden – vielleicht ist das kein Zufall.

Hilft Kreativität und der Zugang zu Kunst den Menschen durch Krisen und beim Erfassen der Komplexität unserer Zeit?

Kreativität ist immer gut. Ohne kreative Lösungen gibt es keine Weiterentwicklung – das gilt für alle Themen des Lebens, nicht nur für Kunst. Kreativität kann sich nur entfalten, wenn auch der Raum dafür vorhanden ist.

Dazu gehört natürlich, dass die Freiheit der Kunst erhalten bleibt. Und leider gibt es einige irritierende Entwicklungen: Die Aufführung des „War Requiem“ von Benjamin Britten in Wien durch den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis wurde abgesagt, weil ihm eine zu große Nähe zu Putin unterstellt wird. Currentzis hat sich nie zum Ukraine-Krieg geäußert – weder dafür noch dagegen.

Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Annie Ernaux wurde wegen ihrer Unterschrift unter einen BDS-Aufruf (Boykott, Divestment and Sanctions) gefordert ihr den Nobelpreis zu entziehen.

Und noch ein Beispiel aus Bremen. Die Schwelle, das ist eine evangelische Stiftung in Bremen, wollte eine Ausstellung von palästinensischen Fotografen in den Räumen der Sparkasse am Ostertorsteinweg zeigen. Die Fotos sind lange vor dem Terrorüberfall der Hamas entstanden. Sie zeigen das Leben im Gaza: Menschen bei der Arbeit, in der Freizeit, am Strand – absolut harmlose Alltagssituationen.
Die Ausstellung war lange vor dem 07. Oktober geplant und vereinbart. Kurz vor der Eröffnung kam die Absage: „In diesen Zeiten würde eine derartige Ausstellung nicht passen.“
Ich sehe es gänzlich umgekehrt, gerade in diesen Zeiten muss an Menschlichkeit appelliert werden und die Ausstellung zeigt nichts anderes.

Wenn Konzerte, Preisverleihungen oder Ausstellungen nur dann stattfinden dürfen, wenn die Künstler bestimmte Positionen teilen, führt das zum Gegenteil von künstlerischer Freiheit. Die Kunst wird dann instrumentalisiert und zur Propaganda degradiert. Damit ist niemandem geholfen. Künster und Werk müssen getrennt bleiben – wie sonst soll die Freiheit der Kunst und damit die künstlerische Kreativität verteidigt werden?

„Nichts ist schlimmer, als die Ungerechtigkeit derjenigen, die stets gerecht sein wollen.“ sagt der Autor Armin Strohmeyr.

„Where are we now?“ lädt dazu ein, über existenzielle Fragen nachzudenken. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach öffentliche Kunstgalerien wie die Galerie im Bamberger in der Bremer vhs dabei, solche Reflexionen und Diskussionen in der Gemeinschaft zu fördern?

Öffentliche Galerien wie im Bamberger erreichen ein anderes Publikum, als klassische Kunstgalerien (in die sich viele Menschen leider nicht hineintrauen). Ich stelle gern an öffentlichen Orten aus. Ich komme so mit Menschen in Kontakt, die sich bisher vielleicht nicht so für Kunst interessiert haben.

Ein Highlight war tatsächlich mal eine Ausstellung in einem Friseursalon – es gab viel Zeit, sich die Bilder anzusehen und einige wurden dann auch gekauft.

Herr Schwecke, haben Sie die Antwort auf die Frage gefunden, „wo und wer wir sind“?

Ich hatte mal das Gefühl, dass es vorangeht, dass sich die Dinge zum Besseren entwickeln. Mittlerweile befinden wir uns auf sehr abschüssigem Gelände. Das fühlt sich nicht gut an.

Der Titel „Where are we now?“

Stammt von David Bowie. Der Song beschreibt Bowies Berliner Zeit 1976 – 1978. Der Text kann aber genauso gut als Metapher auf die heutige Zeit gelesen werden.

Sitting in the Dschungel
On Nürnberger Straße
A man lost in time
Near KaDeWe
Just walking the dead

Im Dschungel sitzend
In der Nürnberger Straße
Ein Mann, verloren in der Zeit
Nahe des KaDeWes
Einfach mit den Toten spazieren gehend